Christkindle Ralassa
Christkindle Ralassa an Heiligabend auf dem Marktplatz
Ein liebgewonnener Brauch in Biberach: Alljährlich an Heiligabend (24. Dezember) schwebt das Christkind zu den Klängen von »Stille Nacht« von den Gutermann'schen Häusern auf den Marktplatz herab.
Die feierliche Zeremonie beginnt, sobald die Lichter am Christbaum auf dem Marktplatz erloschen sind. Zunächst erklingt das Biberacher Pastorale, gefolgt von den gemeinsam gesungenen Weihnachtsliedern „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ und „O du fröhliche, o du selige“.
Zum Höhepunkt der Veranstaltung schwebt das Christkind zum Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“ herab. Es schließt sich das Lied „Herbei, o ihr Gläubigen“ an.
Zum Abschluss, während sich das Christkind wieder wieder nach oben bewegt, singen die Anwesenden eine Strophe des von Justinus Heinrich Knecht komponierten Liedes „Wie können wir, Vater der Menschen, dir danken“. Mit festlichem Glockengeläut und dem Wiedererstrahlen der Giebelbeleuchtung an den Häusern findet die Feier ihren Ausklang.
Geschichte des "Christkindle ralassa":
Ein lebendiger Weihnachtsbrauch mit langer Tradition
Das "Christkindle ralassa" ist ein über 200 Jahre alter, tief verwurzelter Weihnachtsbrauch, der die Herzen der Menschen in Biberach und darüber hinaus seit Generationen erfreut. Sein Ursprung wird um das Jahr 1820 vermutet und zeugt von einer langen Geschichte der Gemeinschaft und des weihnachtlichen Gebens.
Die Anfänge dieses besonderen Spektakels liegen bei Apotheker Stecher, der um 1820 in der Hindenburgstraße wohnte. Es wird erzählt, dass er eine beleuchtete Figur aus seinem Fenster ließ, die langsam herabgelassen wurde, um den Biberacher Kindern zur Weihnachtszeit eine besondere Freude zu bereiten. Zwei beherzte Konditoren, Rapert und Keller, führten diesen liebenswerten Brauch fort. Sie ließen ein beleuchtetes Christkind an einer Schnur auf- und absteigen und beschenkten die wartenden Kinder zusätzlich mit Lebkuchen und anderem Weihnachtsgebäck.
Die Rolle der Hospitalstiftung Biberach
Ein entscheidender Wendepunkt für den Brauch war das Jahr 1904. Vor genau 120 Jahren übernahm die Hospitalstiftung Biberach die ehrenvolle Aufgabe, das "Christkindle ralassa" zu organisieren und weiterzuführen. Diese Übernahme war kein Zufall, sondern entsprang dem tief verwurzelten Selbstverständnis der Hospitalstiftung. Als gemeinnützige Stiftung, deren Gründung bis ins Jahr 1239 zurückreicht, ist es seit Jahrhunderten ihre Aufgabe, bedürftige Menschen zu unterstützen und soziale Aufgaben für die Gemeinschaft zu übernehmen.
Die Unterstützung kultureller und sozialer Aktivitäten, die der Gemeinschaft zugutekommen, ist daher ein zentraler Pfeiler ihres Wirkens. Durch das Engagement der Stiftung konnte nicht nur die langfristige Organisation und Finanzierung der Veranstaltung gesichert werden, sondern der Brauch erhielt auch einen neuen, zentralen Schauplatz: die Feier wurde in den Spitalhof verlegt. Hierbei kam erstmals eine Biskuit-Porzellan-Puppe zum Einsatz, die das Christkind verkörperte.
Vom Spitalhof auf den Marktplatz
Die wachsende Beliebtheit des "Christkindle ralassa" führte zu einer weiteren räumlichen Veränderung: Ab 1960 zog das Christkind auf den Marktplatz um, da die Menschenmassen im Spitalhof nicht mehr ausreichend Platz fanden. Dort findet der Brauch bis heute statt und zieht jährlich zahlreiche Besucher an.
Auch heute noch werden rund 5.000 Lebkuchen an die begeisterten Kinder verteilt, die gespannt auf den Abstieg des Christkindes warten. Die heutige Figur, eine beeindruckende Hohlpuppe des Künstlers Georg Leser, ist von einem kunstvollen Bleiglaskranz umgeben und verleiht dem Ereignis einen ganz besonderen Glanz.
Das "Christkindle ralassa" ist somit weit mehr als nur ein Weihnachtsbrauch; es ist ein lebendiges Zeugnis der sozialen Verantwortung und des kulturellen Engagements der Hospitalstiftung Biberach, das Generationen verbindet und die Weihnachtszeit in Biberach seit Jahrhunderten auf einzigartige Weise bereichert.